„Nix passiert!“ oder doch? Gedanken über das Trösten bzw. Begleiten von Babys und Kleinkindern

In der Zeit des Mobilwerdens bis zum Gehenlernen und auch noch darüber hinaus erleben junge Kinder immer wieder kleine und auch etwas größere Stürze und Unfälle, manchmal auch mit blauen Flecken und Schrammen. Das kann ein Ausrutschen auf einem Baustein sein, ein Anstoßen an einem Möbelteil, ein Sturz von einer Bank oder Couch…

Diese Erfahrungen sind leider auch wichtig, denn das Kind lernt durch kleine Unfälle, auf sich und seinen Körper achtzugeben, es bekommt Übung darin, sich beim Sturz abzurollen, es erlangt ein Gefühl für Höhe und die unterschiedlichen Eigenschaften verschiedener Untergründe. Es erfährt beispielsweise, dass ein Holzboden härter ist als eine Wiese…., dass eine ungünstige Drehung auf der schiefen Ebene (ein Bewegungsgerät im Pikler-SpielRaum) auch bewirken kann, dass es – in Stufenhöhe – runterpurzeln kann.

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Kindern liebevoll Stopp sagen – geht das überhaupt?

Kinder brauchen Grenzen oder Eltern brauchen Grenzen?

Wenn ich mit den Eltern in meinen SpielRäumen spreche, dann ist es oft ein Thema: Grenzen setzen.

Wann soll ich meinem Kind Grenzen setzen? Darf ich überhaupt Grenzen setzen? Was ist, wenn ein Bedürfnis des Kindes dann übergangen oder nicht erfüllt wird?  Diese Fragen stellen sich viele Eltern, insbesondere die ihre Kinder bedürfnis- und beziehungsorientiert erziehen wollen.

Wer braucht eigentlich Grenzen: „Kinder oder Eltern?“

Tatsächlich sagte der bekannte Familientherapeut Jesper Juul. „Nicht Kinder brauchen Grenzen, Eltern brauchen Grenzen.“ Es ist demnach von Bedeutung, dass Eltern lernen, auf ihre eigenen Grenzen zu achten. Und es ist die Verantwortung der Eltern, diese zu wahren.
Grenzen setzen heißt also nicht das Kind zu begrenzen, sondern meine Grenzen als erwachsene Person, als Elternteil zu ziehen.

Bei Babys im ersten halben Jahr und wahrscheinlich auch darüber hinaus, gehen Eltern – und hier vor allem die Mütter – sehr häufig über ihre Grenzen hinweg, was beispielsweise das eigene Schlafbedürfnis betrifft. Meist ist ein gewisser Leidensdruck erforderlich, der dann dazu führt, dem Kind zuzutrauen und zuzugestehen, dass die gemeinsam etablierten Einschlafgewohnheiten überdacht und altersgemäß verändert werden.  Hier spreche ich keinesfalls davon, das Kind bei seiner Lernaufgabe, mit der Zeit alleine einzuschlafen, sich selbst zu überlassen. Natürlich braucht diese Veränderung die Begleitung des Erwachsenen. Aber es sind die Eltern, die diese Veränderung anstoßen, und es ist im Wesentlichen das Zutrauen und zuversichtliche Begleiten dieser neuen Situation, die letztendlich für alle Erleichterung bringen wird.

Generell ist es nicht immer einfach für Eltern, ihre Grenzen klar wahrzunehmen und zu erkennen. Dies erfordert Hineinspüren, Übung und auch Flexibilität. Allerdings bietet die Kleinkindzeit unserer Kinder ein ideales Übungsfeld für die Eltern.

Ein wichtiger Teil in der Entwicklung von Kleinkindern besteht darin, ihren Willen und ihre „Power“ zu erproben und dabei ihre Eltern und deren Reaktionen bzw. auch deren Grenzen kennenzulernen. Das ist eine ihrer Aufgaben und ein gesunder und wichtiger Schritt auf dem Weg zu ihrer Autonomie.

Für das Kind ist es sehr hilfreich, wenn es die Gewissheit hat, dass die Eltern diese kindliche Kraft gut bändigen können. Wenn es gelingt, ruhig mit den manchmal herausfordernden Situationen umzugehen, kann dies dem Kind wertvolle Lernerfahrungen schenken. Ihm wird zudem das Gefühl der Sicherheit vermittelt, dass es bei seinen Eltern gut aufgehoben ist und diese gut auf das Kind und seine Bedürfnisse achten. So kann auch die Beziehung zum Kind gestärkt werden.

Viele Grenzen sind persönliche Grenzen, die von den Erwachsenen unterschiedlich gehandhabt werden. Ein Beispiel ist das Betreten der Wohnung mit Schuhen. Bei den Großeltern ist es beispielsweise erlaubt, Im Elternhaus zieht man die Schuhe in der Garderobe aus. Selbst junge Kinder können diese unterschiedlichen Rahmenbedingungen relativ rasch akzeptieren und verinnerlichen.

Ein weiteres Beispiel – das gemeinsame Essen am Tisch:  Das 1 1/2 jährige Kind sitzt mit uns beim Abendessen beim Tisch, möchte aber aufstehen und mit den verschmierten Fingern und Essen im Mund herumlaufen. Es ist uns noch nicht ganz klar, ob es bereits satt ist. Wir können das Kind fragen, ob es noch hungrig ist. Das Kind verneint. „Ok, du hast gesagt, dass Du nicht mehr hungrig bist. Hier ist der Waschlappen, mit dem wische ich Dir die Finger und den Mund ab, dann kannst Du herumlaufen.“  Das Kind kommt wieder und möchte im Vorbeigehen noch ein Stück Kartoffel vom Teller haben. „Ich dachte eigentlich du bist nicht mehr hungrig. Wenn Du noch was magst, setz dich bitte wieder in deinen Stuhl. Wir essen nur beim Tisch. Hier können wir freundlich aber bestimmt drauf bestehen, dass es nur beim Tisch sitzend noch einen Nachschlag gibt.“

Wenn das Kind noch ein wenig älter ist, kann man auch feststellen, nachdem man gefragt hat. „Ok, du hast gesagt, du bist fertig, dann räume ich Deinen Teller jetzt weg.“ Das Kind kann die Konsequenzen dann bereits verstehen. Ob es sie akzeptiert, hängt vermutlich ein wenig vom Temperament ab. Es kann auch sein, dass es doch noch ein wenig hungrig war. Dann wird es bei der nächsten Mahlzeit etwas mehr essen. Man kann dies auch bestätigen. „Dieses Mal ist das Essen für Dich beendet. Und beim nächsten Mal kannst Du ganz viel essen.“

Noch ein Beispiel wie Kinder aktiv Grenzen testen, und Erwachsene dies freundlich und indirekt beantworten: Das dreijährige Enkelkind sitzt am Tisch und malt mit Buntstiften Striche auf ein Blatt Papier. Es hat bereits Erfahrung mit dem Zeichnen und weiß, dass es auf dem Papier malen sollte und nicht auf dem Tisch. Es zieht nun den Strich immer länger, bis er auf dem Tisch malt und sieht den Opa erwartungsvoll an. Dieser spürt zwar die Herausforderung des Kindes, geht aber nicht direkt darauf ein. Durch seine sachliche Ansage: „Das müssen wir abwischen. Weißt Du, man soll auf dem Papier malen, nicht daneben, sonst wird der Tisch ganz bunt. Wir können eine Zeitung unter dein Papier legen, wenn Du noch malen magst.“ Kann das Kind kann sein testendes Verhalten wieder aufgeben und weitermalen, weil es spürt, dass der Großvater nicht ärgerlich wird. Wenn er aber weiter auf dem Tisch malen würde, könnte der Opa das Malen auch beenden und eine andere Tätigkeit anbieten.

Hast Du noch Fragen zum Thema liebevoll Grenzen setzen? Kontaktiere mich gerne.

 

Wenn ein Geschwisterkind auf die Welt kommt – wie können wir das ältere Kind vorbereiten?

Und wie gehen wir mit möglicherweise starken Gefühlen des älteren Kindes um?
(Podcast – Link am Ende dieses Beitrages)

Kürzlich fragte mich eine Mutter, ob und wie sie ihren kleinen Sohn in die Schwangerschaft einbeziehen kann und auf die Ankunft des kleinen Geschwisterbabys vorbereiten kann.

Vorab: Es gibt kein Allgemeinrezept gegen Eifersucht. Zu sehr hängt es von der Persönlichkeit und der Entwicklung des älteren Kindes ab, wie es mit der neuen Situation umgeht und auch mit dem Wesen des Geschwisterkindes.
Da die Frage der Mutter aber keine ungewöhnliche ist und viele Eltern betrifft, möchte ich hier dennoch ein paar Gedanken dazu teilen.

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Wenn das Wickeln schwierig wird

Aus diesem Grund möchte ich einige Gedanken mit Euch teilen, um (wieder) zu einem echten und freudvollen Miteinander bei den täglichen Wickel- und auch anderen Pflegesituationen zu finden.
Wenn wir uns bewusst machen, dass die täglich wiederkehrenden Pflegehandlungen DIE Gelegenheit für ein beziehungsvolles Miteinander mit einem jungen Kind sind, ist es auch einfacher unsere Haltung zu ändern und die Pflegeaktivität als Chance für die Entwicklung einer engen Beziehung mit unserem Kind zu schätzen.

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Was können Babies ?

Kürzlich hat mich eine Bekannte darauf angesprochen, was ich denn mit so kleinen Babys mit ca. 5 Monaten im SpielRaum überhaupt mache. „Die können ja noch gar nichts, noch nicht einmal sitzen.“
Dazu ist es sicherlich wichtig, Emmi Piklers Blick auf das Kind darzulegen. Piklers Blick war grundsätzlich ein positiver. Es steht nicht die Frage im Raum, was das Kind noch nicht kann, sondern es gilt das Baby bzw. das Kind mit umgekehrtem Blickwinkel zu betrachten. Was kann das Kind bereits?
Und dann tut sich gleich noch ein weiterer Blickwinkel auf. Piklers Ansichten nach ist ein Baby kein hilfloses Wesen, sondern ein in vielen Bereichen kompetentes Menschenkind, das natürlich in vielen essentiellen Bereichen von uns Erwachsenen abhängig ist – aber eben nicht in allen.

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Wie Vorbereitung und Routinen unseren jungen Kindern Sicherheit geben

Die Corona-Ausnahmesituation hat unseren Alltag gehörig durcheinandergewirbelt. In kaum einer Familie ist alles beim Alten geblieben wie vor der Ausgangsbeschränkung und den Schul- und Kindergartenschließungen Mitte März. Noch vor einem Monat hätte diese einschneidenden Veränderungen niemand vorauszusehen gewagt.
Einige Familien haben plötzlich sehr viel unverplante Zeit verfügbar, für andere begann eine extrem fordernde Zeit, wenn beispielsweise im Homeoffice gearbeitet werden muss und parallel dazu Schulkinder bei den Hausarbeiten unterstützt werden müssen oder jüngere Kinder zu Hause beaufsichtigt und oft auch beschäftigt werden müssen.

Ein bei den meisten Menschen gut durchorganisiertes Leben ist aus den Fugen geraten, nichts ist mehr wie es war und keiner weiß noch so genau, ob es jemals wieder so werden wird.
Manche Veränderungen wären ja durchaus wünschenswert, wie weniger Stress und Hektik, mehr Regionalitätsbewusstsein beim Einkauf…

Hier zeigt sich sehr deutlich, was Unvorhersehbarkeit, Unsicherheit und Unregelmäßigkeit auslöst: Bei vielen Menschen äußert sich das in Nervosität, Stresssymptomen, Unruhe und einem großem Bedürfnis nach Ausgleich dieses Zustandes.
Je normaler der Alltag nun gelebt werden kann, umso besser fühlen wir uns. Wir stehen trotzdem annähernd zur gewohnten Zeit auf und versuchen Kontakt mit für uns wichtigen Personen per Telefon zu halten. Beständigkeit und Rhythmus gewinnt eine neue Qualität, es sind oft kleine Dinge, die uns stärken, sei es die aufblühende Natur oder das gemeinsam in Ruhe eingenommene Essen, wofür nun wieder mehr Zeit ist.

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„Läuft es schon?“ Einige Gründe, warum wir Babies und Kleinkindern nicht „Gehen“ lernen müssen.

Die autonome Bewegungsentwicklung der Kinder läuft zeitlich sehr unterschiedlich ab. Da gibt es Babies, welche mit acht Monaten zu krabbeln beginnen, während andere in diesem Alter noch am Rücken liegen. Andere krabbeln mit 15 Monaten und sind vorher lang und ausgiebig gerobbt.

Wieder andere Kinder tendieren bereits sehr früh in die Vertikale und versuchen sich, an allen möglichen und manchmal auch unmöglichen Gegenständen hochzuziehen. Auch hier ist die Bandbreite des Zeitpunktes des Aufstehens mit Festhalten von ca. 9 Monaten bis zu 16 Monaten sehr groß.

Auch das selbständige Aufsitzen ist so ein Thema. Kinder kommen zu sehr unterschiedlichen Zeitpunkten und auf unterschiedliche Art ins Sitzen. So gibt es Kinder, welche sich mit 9 Monaten selbst aufgesetzt haben, andere wiederum lassen sich Zeit bis 15 Monate.  Das Aufsitzen kommt sehr häufig nahezu gleichzeitig mit dem Krabbeln.

Sehr gravierend ist auch die zeitliche Abweichung beim meist sehr herbeigesehnten großen Meilenstein, den ersten freien Schritten. Es gibt Kinder die mit 10 Monaten auf den eigenen kleinen Füßen losstarten und Kinder, welche sich bis zum 21. Monat damit Zeit lassen.

Viele Kleinkinder scheinen es zu mögen, wenn man sie an der Hand führt und mit ihnen Gehen übt.
Wenn es ihnen Freude macht, warum sollte man es dann dennoch unterlassen?

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Wie können Kinder lernen, sich zu konzentrieren – von Beginn an

Wenn nun wieder die Schule beginnt dann geht auch die Zeit wieder los, in der von unseren Kindern einiges an Kompetenzen erwartet wird. So zum Beispiel, dass sie eine möglichst lange Aufmerksamkeitsspanne haben, geduldig zuhören können, bei einer Sache bleiben können, schwierige Probleme lösen können und nicht sofort aufgeben. Wir wünschen uns, dass das Kind eine gute Konzentrationsfähigkeit hat und  gerne und freudvoll lernt.

Besonders die ersten Lebensjahre eines Kindes sind prägend für die Entwicklung von Aufmerksamkeits- und Konzentrationsfähigkeit.

Was gibt es für Möglichkeiten, die Aufmerksamkeitsspanne eines Kindes zu fördern – und zwar von Beginn an:

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Warum junge Kinder kein Sauberkeits-(Toiletten)training brauchen und was wir stattdessen tun können

Der  Sommer ist  eine Jahreszeit, in der viele Eltern hoffen, dass die Kinder, wenn sie im Freien ohne Windel sein können, die Kontrolle über ihre Ausscheidung erlangen. Das kann funktionieren, es sollte aber keine übertriebene Erwartungshaltung der Eltern in diese Richtung sein.
Kinder brauchen keine Erwachsenen, die sie darin trainieren, die Toilette zu benutzen. Was sie brauchen sind zugewandte, wache Eltern oder Bezugspersonen, die den Prozess des „Sauberwerdens“ unterstützen und erleichtern, ein Prozess, der bei jedem Kind individuell ist.Es gibt drei Faktoren die notwendig sind für den Prozess des Sauberwerdens

Physische Voraussetzung: Das Kind verfügt über die körperliche und muskuläre Fähigkeit der Blasen- und Stuhlkontrolle.

Kognitive Voraussetzung: Das Kind versteht den Harn- und Stuhldrang, kann das Gefühl mit der Aktion in Verbindung bringen. Dabei macht uns das Kind häufig deutlich. „Ich mache jetzt“. Es muss jedoch nicht bedeuten: „Ich will aufs Töpfchen.“

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Was hat freie und selbstgewählte Aktivität des Kindes mit Selbstregulation zu tun?

Beobachtungen aus dem SpielRaum

V., 12 Monate, krabbelt die schiefe Rampe hinauf, in der linken Hand das kleine Auto. Sie hat bereits eine Technik entwickelt, wie sie krabbelnder Weise kleinere Gegenstände transportieren kann. Die letzten Monate bereits hat sie die Rampe kennengelernt, sich zunächst vorsichtig herangetastet, bis sie es schließlich auch bis nach oben aufs Podest geschafft hat. Sie hat die Höhe abgeschätzt, indem sie mit der Hand den Abstand zum Fußboden abgemessen hat und so ein Bewusstsein für „Oben“ und „Unten“ entwickelt. Immer wieder hat sie diese Aktivität erprobt, verfeinert und ist immer sicherer und gewandter unterwegs. Sie weiß mittlerweile die Dimensionen der Rampe einzuschätzen, kennt die unterschiedlichen Eigenschaften auf der glatten Holzseite und der mit Teppich bespannten gegenüberliegenden Seite, auf der sie hinauf einfacher, hinunter aber erschwert gelangt.

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